Das Promotionsprojekt von Tanja Skambraks:
"Kinderbischöfe im europäischen Mittelalter"
Die Wahl von Kinderbischöfen am Vorabend des Heiligen Nikolausfestes (6. Dezember) bzw. am Tage der Unschuldigen Kinder (28. Dezember) ist durch zahlreiche Quellen unterschiedlichster Art für den gesamten europäischen Raum vom 11. bis ins 16. Jahrhundert belegt. Es handelt sich hierbei um ein Klerikerfest, bei dem der kindliche Bischof aus den Reihen der Chorknaben und versehen mit den bischöflichen Insignien liturgisch-rituelle Funktionen eines Bischofs übernimmt.
![]() | Kinderbischof auf einer Bleimünze, Fundort: Bury St. Edmunds, Suffolk/GB, Beginn des 15. Jahrhunderts (mit freundlicher Genehmigung des St. Nicholas Center www.stnicholascenter.org) |
Projektbeschreibung:
Das Forschungsprojekt widmet sich der Darstellung und Analyse der historischen Entwicklung des Kinderbischofsfestes im europäischen Kontext von den Anfängen der Überlieferung im 11. Jahrhundert bis zum 16. Jahrhundert. Die Wahl von temporär zwischen dem 6. und 28. Dezember amtierenden Kinderbischöfen (episcopus puerorum, episcopus Innocentium, episcopellus) aus den Reihen der niederen Kleriker und/oder Schüler fand in zahlreichen Kathedralen, Klöstern und Pfarrkirchen und Schulen in ganz Europa statt, wobei regionale Schwerpunkte der Überlieferung in Westeuropa liegen.
![]() | Kinderbischof auf einer englischen Briefmarke von 1986 (mit freundlicher Genehmigung des St. Nicholas Center |
Die Ausgangsfrage drängt sich durch einen irritierenden Befund auf: Eine im Mittelalter in ganz Europa verbreitete rituelle Praktik, mit der ein Kind im geschützten Rahmen vorübergehend mit Autorität, Privilegien und Rechten ausgestattet wird, die sonst nur Erwachsenen zukommen, genauer: nur Erwachsenen mit einem sehr hohen sozialen Status, nämlich dem eines Bischofs oder Abtes. Mein Forschungsprojekt erforscht dieses Phänomen anhand liturgischer (z.B. Messbücher, Ordines, Breviers), normativer (z.B. Statuten, Synodalbeschlüsse,Schulordnungen) und pragmatischer (z.B. Abrechnungen, Inventare) Quellen aus Frankreich, England und dem deutschsprachigen Raum. Zudem werden historische Subtexte und Kontexte, näher hin die Frage nach vermeintlichen Traditionssträngen des Kinderbischofsfestes untersucht. Darunter zählen das römische Saturnalienfest, der Nikolauskult, die Verehrung der Unschuldigen Kinder sowie das Narrenfest. Die häufige Gleichsetzung von Narren- und Kinderbischofsfest hat in der Forschung dazu bveigetragen, das Fest verstärkt im Kontext einer Theorie der "Verkehrten Welt" bzw. des mittelalterlichen Karnevals zu interpretieren. Ein Ziel des Projektes ist an dieser Stelle die quellenbasierte Neuinterpretation des Kinderbischofsfestes in Abgrenzung zu bisherigen Thesen der Forschung.
Schließlich werden im Rückgriff auf die verschiedenen Forschungstraditionen sowie unter Nutzbarmachung bisher nicht berücksichtigter Theorien neue Interpretationsmodelle entwickelt, welche die Stellung und Bedeutung des Kinderbischofsfestes unter folgenden Fragestellungen herausarbeiten: Zunächst steht die heute sehr akute Frage nach dem Verhältnis der Generationen im Mittelpunkt, das unter anderem durch ein Alters- und Autoritätsgefälle charakterisiert werden kann und aus dem sich bis heute Konflikte speisen. In diesem Kontext leistet die hier vorgestellte Arbeit einen Beitrag zur kulturhistorischen Erforschung dieser Beziehung, die eben im Kinderbischofsfest eine seltsame Umkehr findet. Ganz konkret handelt es sich hierbei um die Frage nach der Rollenzuschreibung und dem Status von Kindern in der Vormorderne. Einen weiteren wichtigen Schwerpunkt des Projektes bildet die Frage nach der Bedeutung von Riten und Festen bei der Strukturierung und Gestaltung des sozialen Lebens im Mittelalter.





